
Seit 1990 bin ich als Friedhofgärtner, Bestatter, Bildhauer und Trauerredner in Bad Düben und Umgebung tätig.
Mit Empathie und Erfahrung im Umgang mit dem Tod begleite ich Sie beim Abschied von einem lieben Menschen.
Ich lebe im alten Friedhofswärterhaus – zwischen Natur, Stille und Geschichten. Hier, wo die Zeit anders fließt, wo Abschied und Neubeginn so nah beieinanderliegen, finde ich die Worte, die Trauernde tragen können.
In meiner Arbeit als Trauerredner begleite ich Menschen in einer ihrer schwersten Stunden. Mir ist wichtig, dass jeder Abschied persönlich, ehrlich und würdevoll gestaltet wird. Worte können keine Wunden heilen, doch sie können wie ein warmer Mantel sein, der die Kälte der Trauer ein Stück weit lindert.
Die Natur erinnert mich täglich daran: Nichts geht verloren. Alles wandelt sich, alles bleibt in der Erinnerung, in der Liebe, in den Spuren, die ein Mensch hinterlässt. Mit diesem Wissen möchte ich Trost schenken, Raum geben für Tränen, aber auch für Dankbarkeit und für die stille Gewissheit, dass das Leben weiterfließt.
Am frühen Morgen, wenn die Sonne ihre ersten Strahlen über den Friedhof legt, beginne ich meinen Tag im alten Wärterhaus. Noch hängt der Tau wie kleine Perlen auf den Steinen, als wollte er die Tränen der Nacht bewahren. Ich blicke hinaus zur Kapelle, wo bald Menschen zusammenkommen, um Abschied zu nehmen – und zugleich Nähe zu spüren.
Ein Igel huscht in die Eibenhecke, als wüsste er, dass auch das Verborgene zum Leben gehört. Das Eichhörnchen, flink und frei, springt von Ast zu Ast, und die Katze, vertraut und sanft, begleitet mich schweigend, als wolle sie mir sagen: „Ich bleibe bei dir.“ Selbst die Schnecken, die mit ihrem ganzen Haus durchs Leben wandern, erinnern mich daran, dass wir alle etwas mit uns tragen – Erinnerungen, Liebe, Geschichten, die bleiben.
Die Natur ist hier kein stummer Hintergrund, sie ist Teil des Abschieds, Teil des Trostes. Alles lebt, alles vergeht, alles verwandelt sich – und nichts ist verloren. In den Flügelschlägen der Amsel, im roten Leuchten der Feuerkäfer, im Rauschen der alten Bäume liegt ein stilles Versprechen: Das Leben endet nicht einfach, es fließt weiter – in uns, in der Natur, in den Spuren, die ein Mensch hinterlässt.
Als Trauerredner darf ich in dieser besonderen Atmosphäre Worte finden, die tragen. Worte, die erinnern, ehren, trösten – nicht laut, nicht belehrend, sondern in dem leisen Ton, den die Natur selbst anschlägt. Ich möchte den Verstorbenen in Geschichten lebendig halten, und zugleich den Lebenden Mut schenken, dass sie nicht allein sind.
Denn so wie die Sonne jeden Morgen die Tropfen auf den Steinen trocknet, so vermag auch die Zeit, zusammen mit liebevoller Erinnerung, den Schmerz etwas zu lindern. Auf diesem Friedhof, zwischen alten Mauern und lebendigem Grün, fühle ich mich der Aufgabe verbunden, Menschen in ihren schwersten Momenten beizustehen – mit Herz, mit Achtsamkeit und mit Worten, die wie ein warmer Mantel um die Trauer gelegt werden.
Manchmal sind es die kleinen Geschichten, die uns zeigen, wie stark die Liebe bleibt.
So erzählte mir eine Witwe eines Tages von meiner Katze Karla.
Sie saß oft auf der Bank vor meinem Wärterhaus, und Karla gesellte sich zu ihr. Die Frau streichelte sie, sah ihr in die Augen und sagte leise: „Mein Mann spricht mit mir. Durch Ihre Katze.“
Dann berichtete sie, wie sehr ihr die Gespräche mit ihrem Mann fehlten. Ein ganzes Leben lang hatten sie miteinander geredet – und mit seinem Tod war plötzlich alles still geworden. Doch als Karla zu ihr kam, habe sie sofort gespürt: Er ist da. Seine Nähe, sein Blick, sein Wesen – all das erkenne ich in dieser kleinen Katze wieder.
Während sie das erzählte, sprang Karla auf die Bank und legte sich dicht an ihre Seite. Die Witwe legte behutsam ihre Hand auf das Tier und lächelte. „Manche mögen mich für verrückt halten“, sagte sie, „aber für mich ist es Gewissheit: Er ist zurückgekehrt, um mir beizustehen. Und wenn Karla eines Tages nicht mehr kommt, dann weiß ich – auch ich darf bald zu ihm gehen.“
Für mich ist diese Begegnung ein Sinnbild dafür, wie Trauer funktioniert: Jeder Mensch findet seinen eigenen Weg, Trost zu erfahren. Manchmal sind es Worte. Manchmal sind es Rituale. Und manchmal ist es eine kleine Katze, die zur Brücke wird – zwischen dem, was war, und dem, was bleibt.
Es war ein grauer Nachmittag, als sie zum Grab taumelte. Ihr Gesicht war schmal, die Augen gerötet, die Hände unruhig. In der einen hielt sie eine zerdrückte Zigarettenpackung, in der anderen eine kleine Musikbox, aus der ein Lied hallte.
Doch es reichte ihr nicht, die Musik nur zu hören. Sie sang mit – viel zu laut, völlig falsch, mit einer Stimme, die mehr Schrei als Melodie war. „Warum hast du mich verlassen? Ich bin so traurig! Ich bin so einsam! Warum hast du mir das angetan?“ Ihre Worte hallten über die Grabsteine, als wollte sie die ganze Welt zwingen, ihre Wunde zu sehen.
Ein paar Besucher blieben stehen, manche schüttelten den Kopf, andere senkten den Blick. Sie aber schien niemanden wahrzunehmen. Für sie gab es nur dieses Grab, diese Erde, diesen Schmerz.
Dann hob sie den Kopf, starrte in die Luft, als würde dort jemand stehen. Plötzlich rief sie: „Da bist du! Endlich kommst du! Mein Messias, mein Retter!“ Ihre Arme breiteten sich weit aus, ihre Augen glänzten fiebrig.
Doch im nächsten Augenblick kippte alles. Ihre Stimme brach, sie ballte die Fäuste und schrie: „Verschwinde! Du blödes Schwein! Wie konntest du mir das antun?!“ Sie sank auf die Knie, schlug mit den Händen in die Erde, während ihre Schreie und Schluchzer ineinanderflossen.
Alles, was blieb, war ein einziger Ruf nach Nähe – und eine Wut, die nur aus der Tiefe einer großen Liebe kommen konnte.
Ich stand abseits und hörte zu. Ich konnte nichts sagen, nichts erklären, nichts heilen. Doch in diesem wilden, chaotischen Ausbruch spürte ich eines: Ihre Verzweiflung war nichts anderes als ein anderer Name für ihre Liebe.
Und so blieb mir nur, in Stille dazusein – und zu wissen: Auch in den lautesten Schreien steckt die Sehnsucht nach Trost.
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